Quechua als Muttersprache: Ein Bericht zum internationalen Tag der Muttersprache

Bericht über das Erste Treffen zum internationalen Tag der Muttersprache am 21.2.2021, organisiert von Mamakiya e.V.

Von Leonardo Beulen Faura

Für den internationalen Tag der Muttersprache hatte die Bonner Organisation Mamakiya e.V. mehrere Vorträge mit musikalischem Zwischenprogramm organisiert. Da sowohl deutschsprachige als auch spanischsprachige Zuhörer*innen teilnahmen, wurde das Programm zwar vollständig auf Spanisch abgehalten, jedoch waren die ganze Zeit Dolmetscherinnen aktiv, die, stellte man die Funktion ein, direkt auf Deutsch übersetzten. Der internationale Tag der Muttersprache hatte dieses Jahr besondere Bedeutung, da Peru dieses Jahr das 200-jährige Jubiläum seiner Gründung feiert. Die Idee hinter dem

Event war, dieses wichtige Datum als Ausgangspunkt für eine Reflektion darüber zu nehmen, welchen Stellenwert das Quechua heutzutage in der peruanischen Gesellschaft hat.

Nach einer kurzen Einleitung durch die Chefin der Organisation, Amanda Luna Tacunan, übernahm der peruanische Botschafter in Deutschland, Enrique Noria Freyre, das Wort. Ihm zufolge sollte das Event die Wichtigkeit des Quechuas nicht nur aus historischer und kultureller Sicht, sondern auch seine Bedeutung als Muttersprache für viele Peruaner darstellen. In den letzten Jahren sah man einen großen Fortschritt der Inklusion des Quechuas durch eine immer stärker werdende Präsenz im Fernsehen, in der Verwaltung, in der Musik und in vielen weiteren Bereichen.

Die Wichtigkeit des Tages der Muttersprache hingegen betonte das Mitglied der Dirección de Lenguas Indígenas (DLI) del Viceministerio de Interculturalidad, Frau Edit Echaccaya. Ebenfalls wurde Quechua als größte indigene Sprache Perus vorgestellt, die viele verschiedene Varietäten hat.

Nach der Einleitung folgte der Vortrag “Importancia y Prospectiva de la cultura Andina y sus aportes a la sociedad – la presencia del idioma quechua en el bicentenario” von Hilda Ortiz Falcón, Präsidentin der Academia de Quechua in Huánuco. Sie schildert, dass sich Quechua seit dem Höhepunkt des Inkareiches lange Zeit in einem Prozess des Niedergangs befand. Daraufhin zeigt sie aber auf, dass das Quechua mit vielen weiteren kulturellen Erben der Inka in Verbindung steht, die die peruanische Gesellschaft bis heute prägen. So etwa der respektable Umgang der Kultur mit der Natur in der Nahrungsbeschaffung und der Landwirtschaft oder die sozialen Regeln, nach denen jeder zur Gemeinschaft beitragen muss. Daneben gibt es sehr viele kulturelle Praktiken, die heutzutage immer noch stattfinden, wie etwa Tauschhandel oder die Mita, die Ausführung von Großprojekten in gemeinsamer Arbeit.

Danach kommt die Sprecherin wieder auf das Quechua zurück, das seit 500 Jahren in Kontakt mit anderen Sprachen steht und der Kolonialisierung standhielt. Es hat heutzutage circa 14 Millionen Sprecher in Amerika und darunter knapp 3,8 Millionen Sprecher in Peru (Stand 2017). Dies sind etwa 13,6% der Gesamtbevölkerung, was einen demographischen Anstieg bedeutet. Eine der Folgen in der Gesellschaft sind Konflikte etwa an Schulen, da dort oft die am weitesten verbreitete Varietät beigebracht wird, die oftmals von der abweicht, die zuhause gesprochen wird.

Nach diesem Umriss der Lage des Quechua heutzutage gab es den ersten musikalischen Auftritt von Aki Alejandro Babilonia Pastor aus Huánuco, der auf seiner Posaune zuerst den Klassiker „El condor pasa“ spielte und danach ein Medley aus typisch peruanischen Liedern. Direkt danach trat die Sängerin Julia Crucita mitsamt Band auf und spielte traditionelle Chimaychi aus ihrer Heimat Pomabamba in der Provinz Áncash. Die Lieder waren sowohl auf Spanisch, als auch auf Quechua.

Der zweite Vortrag war zum Thema “La Cosmovisión Andina y el fortalecimiento del idioma quechua en el Bicentenario.” von Frau María Elena Yparraguirre Alegría. Sie erklärt die Verbindung des Quechua mit einer bestimmten Weltanschauung. Diese Weltanschauung nimmt sie als Bestandteil der Leitfrage, unter der ihr Vortrag steht: Was ist die andine Weltanschauung? Für sie ist es die Interpretation davon, wie die Natur bewahrt werden sollte und von der heiligen Verbindung, die die Menschen und die Erde haben. Diese Verbindung geht von einer Energie „illa“ aus, die alles durchdringt und alles erschafft und von verschiedenen Pachas, verschiedenen Ebenen der Welt, wobei die Menschheit auf einer von ihnen lebt.

Dem Event gelang es somit, nicht nur die steigende Wichtigkeit des Quechua im heutigen Peru darzustellen, sondern auch das mit ihr eng verbundene Weltbild, das für einen großen Teil der Menschen bis heute eine äußerst wichtige Rolle einnimmt.

Zur Organisation: Die Organisation beschreibt sich auf ihrer Webseite folgendermaßen:

„Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich aus lateinamerikanischen Migrant*innen und Deutschen zusammensetzt. Wir kommen aus verschiedenen Teilen Lateinamerikas und Europas und bringen unterschiedliche Perspektiven mit. Gleichzeitig freuen wir uns, ein Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Diese wollen wir durch unsere Perspektiven bereichern, denn wir leben und schätzen unsere Vielfalt.“

Für mehr Infos zu dieser jungen Organisation schaut gerne auf ihrer Webseite vorbei.

Leonardo Beulen Faura

Leonardo Beulen Faura

Autor des Artikels

Leonardo Beulen Faura wurde in Peru geboren und zog im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter nach Deutschland. Seit 2015 lebt er in Bonn und erlangte seinen Bachelorabschluss 2019 in Englisch und Spanisch – nicht auf Lehramt.

Nach knapp dreimonatiger Reise durch Peru begann Leonardo schließlich sein Masterstudium „Kulturstudien zu Lateinamerika“ in Bonn. Innerhalb seines Studiums interessiert er sich besonders für Themen der Popkultur, seine Bachelorarbeit schreib er über die Geschlechterrollen in der lateinamerikanischen Popmusik (Reggaeton, Bachata, Salsa).

Außerdem belegt er Sprachkurse in Französisch, Portugiesisch und Quechua. Leonardo befindet sich im dritten Semester seines Masterstudiums und macht aktuell ein Praktikum im Lateinamerika-Zentrum. Neben Studium und Praktikum übt er sich als begnadeter Koch.