Erster LAZ-Diversity-Tag

Ein buntes Programm und vielseitige Inputs zeigen wie vielfältig lateinamerikanische Migration in Deutschland ist.

Anlässlich des deutschlandweiten Diversity-Tages hat das Lateinamerika-Zentrum e.V. in Bonn am letzten Dienstag (18. Mai 2021) den ersten LAZ-Diversity-Tag ins Leben gerufen. Das übergreifende Thema des Online-Events war Perspektivwechsel – Eindrücke aus Lateinamerika und Deutschland, und über den Tag verstreut gab es Inputs akademischer, künstlerischer und musikalischer Art. Der Tag fand im Rahmen unseres Projekts Ausbildung von in Deutschland lebenden Lateinamerikaner*innen für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit statt.

Den Anfang machte Santiago Penedo von der TH Köln mit einem Vortrag über Wasser als Grundlage für Menschen und Ökosysteme. Anhand verschiedener Projekte, die Santiago unter anderem in Brasilien und Mexiko durchgeführt hat, wurde deutlich, wie eng Wasser und Menschenrechte, aber auch die Produktion europäischer Firmen vor Ort, miteinander vernetzt sind. So erläutert er, wie die Wasserfälle im mexikanischen Bundesstaat Jalisco seit der intensiven Industrialisierung in den 60er, 70er und 80er Jahren einer äußerst hohen Verschmutzung ausgesetzt sind. Das führt unter anderem zu einer höheren Krebsrate bei den in den angrenzenden Gebieten lebenden Menschen und zu weiteren Menschenrechtsverletzungen der einheimischen Bevölkerung.

Im Anschluss stellen die Schwestern Laura und Nataly Cubillos die nächste sehr verwandte Thematik vor – den Klimawandel im internationalen Kontext. Die beiden präsentieren ihr Startup Carbono Local+, das sie nach ihrem Masterabschluss an der TH Köln gegründet haben. Das Purpose-Unternehmen unterstützt lokale Gemeinden in Kolumbien dabei, Emissionszertifikate zu erwerben und damit am freiwilligen internationalen Emissionshandel teilnehmen zu können. Durch die Kompensation von Emissionen vor Ort erwerben die Gemeinden zusätzliche Einnahmen und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur weltweiten Verringerung von Treibhausgasen.

Nach den zwei Schwestern aus Kolumbien folgt ein weiteres starkes Familienduo. So schildern die gebürtige Brasilianerin Iramaia Kotschedoff und ihre Tochter Lina Maria Kotschedoff im Gespräch mit LAZ-Präsident Holger Hey eindrucksvoll ihre persönlichen und beruflichen Erfahrungen mit dem Thema Vielfalt. Iramaia unterstützt mit ihrem 1988 gegründeten Unternehmen brasilianische Unternehmen in Deutschland durch Messebeteiligung Fuß zu fassen und erzählt von den Herausforderungen und Chancen, die sie in Deutschland erfahren hat. Besonders eindrücklich ist auch ihr Verständnis bi-kultureller Erziehung, das, wie ihre Tochter Lina schildert, die brasilianische und deutsche Kultur in keinerlei Konkurrenzverhältnis stellt. Sie und ihre Geschwister konnten selbst entscheiden, wann und wo sie sich in welcher Kultur wohler fühlen. Lina, die mittlerweile ihre eigene Coachingplattform purpose.hub gegründet hat, beschreibt, wie die verschiedenen kulturell bedingten Herangehensweisen ihrer Eltern sie bis heute prägen. So leben sie und ihre Geschwister die Thematik Diversity, die jetzt immer mehr in den Fokus rückt, schon seit ihrer Kindheit vor. Nämlich, dass es unterschiedliche Lösungsansätze gibt, die nicht richtig oder falsch sind, sondern verschiedene Perspektiven und Wahrnehmungen mit einbeziehen und dadurch zu vielfältigen und innovativen Lösungen führen.

Multikulturalität und das Potenzial interkultureller Kompetenz sind auch das Thema der anschließenden Gesprächsrunde im größeren Kreis. Nataly schildert, wie sie und ihre Schwester sowohl ihre Leidenschaft als auch ihr Potenzial als gebürtige Kolumbianerinnen in Deutschland durch die Gründung ihres eigenen Startups verwirklichen können. Daraufhin erzählt Santiago, wie Lateinamerikaner*innen in Deutschland häufig wahrgenommen werden. Oftmals als Freunde die Party machen, aber in seinem beruflichen Umfeld hat er die Erfahrung gemacht, dass er zumindest anfangs gegen negative Vorurteile ankämpfen muss. Lina schildert, wie ihr Arbeitsumfeld erst in schwierigen Situationen den Wert interkultureller Lösungsansätze anerkannt hat. Aber wenn man einmal erfahren hat, welches Potenzial diese verschiedenen Herangehensweisen haben, ist die Vielfalt der Perspektiven nicht mehr weg zu denken, ergänzt sie. Abschließend wünscht sich Iramaia anlässlich des neunten deutschen Diversity-Tages noch mehr Gleichberechtigung, mehr Vielfalt in den Unternehmen und dass Lateinamerikaner*innen und alle anderen ihre Fähigkeiten zeigen dürfen, selbst dann, wenn ihr Deutsch nicht ganz perfekt ist.

Nach dem sehr eindrücklichen Vormittagsprogramm stehen am Nachmittag Esmeralda Hernández-Lilienfeld und Nicolás Fajardo, beides Bildungsreferent*innen des LAZ, im Fokus und berichten über ihre Erfahrungen im Multiplikator*innen Projekt. Nicolás erzählt, wie er mit viel Freude an verschiedenen Modulen wie „Wasser“ und „Energie & Klima“ des Multiplikator*innenprojekts teilgenommen hat. Highlight war dabei der Besuch einer Grundschule in Königswinter, wo sie als Bildungsreferent*innen trotz Corona und mancher Sprachbarriere interaktiv mit den Kindern die Thematik Energie & Klima behandeln konnten. Esmeralda ergänzt, wie das Bildungsprojekt zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele in Deutschland beiträgt und wie sie als gebürtige Mexikanerin den Kindern neben der deutschen auch eine mexikanische Perspektive näherbringen kann. Im Juni geht das Projekt mit dem Modul „Konsum“ in die nächste Runde.

Der folgende Programmpunkt bringt ein wenig Bewegung in das Online-Event und die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, sich in den eigenen vier Wänden tänzerisch zu betätigen. Mareike Nitsche leitet einen Wasserworkshop an, bei dem alle Teilnehmenden die Thematik Wasser interaktiv kennenlernen. Unter Leitung von Mareike bewegen sich die Teilnehmenden in fließenden Bewegungen zu lateinamerikanischer Musik und erfahren so, wie das Element Wasser gelebt und erlebt werden kann.

Abschließend stellt Sebastian Valencia Sayin die Kunst seiner Großmutter Lucy und seines Großonkels Tejadita vor. Die beiden sind in Kolumbien für ihre zwei sehr verschiedenen Darstellungsweisen der Natur bekannt. Lucy stellt dabei den Einfluss von Mensch auf Natur als auch die negative Auswirkung der Industrialisierung auf die indigene Bevölkerung in eindrucksvollen Gemälden künstlerisch dar. Sebastians Großonkel nutzt hingegen eine Vielzahl von Holzarbeiten, um das Leben der afro-kolumbianischen Bevölkerung und ihrer Beziehung zur Natur festzuhalten. Den ersten, sehr eindrücklichen LAZ-Diversity-Tag beendet Sebastian dann mit einem kleinen Live-Konzert aus dem heimischen Wohnzimmer zusammen mit seinem Musikerfreund Efraín. Für alle Beteiligten war der Tag ein echtes Highlight, bei dem vor allem der zwischenmenschliche Austausch im Vordergrund stand und wir vom LAZ blicken schon voller Vorfreude auf den 2. LAZ-Diversity-Tag im nächsten Jahr. Dann dürfen wir euch hoffentlich wieder vor Ort im Lateinamerika-Zentrum begrüßen.


Aktueller Hinweis: Im Modul „Konsum“ sind noch Plätze frei!

Bei Interesse könnt ihr euch noch bis zum 2. Juni 2021 bei uns bewerben. Mehr Infos dazu findet ihr auf der Seite zur Ausbildung von in Deutschland lebenden Lateinamerikaner*innen für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit.